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BRAU UNION ÖSTERREICH AG
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Bierkulturbericht 2010
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GLASKULTUR
IST BIERKULTUR
W
obei es ein weiter Weg vom
Tonkrug zum Bierglas ist.
Zwar hat es schon im Mittelal-
ter Biergläser gegeben – sehr schöne sogar.
Aber die Mehrzahl der Biertrinker hat bis
weit ins 19. Jahrhundert das Bier aus Stein-
gut-, seltener aus Metall- oder Holzgefäßen
getrunken. Biergläser waren eine Sache für
die Wohlhabenden, sie waren mundgebla-
sen, reich verziert und entsprechend teuer.
Sehr beliebt waren die so genannten Pass-
gläser – das waren hohe Kelche (der Form
von heutigen Pilsstangen nicht unähnlich,
aber größer), auf denen der Glasbläser
durch Drehen und Aufbringen eines Glas-
fadens verschiedene Ringe angebracht hat,
die um das Glas gelaufen sind. Bei Trink-
spielen wurde nun
das Glas mit Bier
gefüllt und herum-
gereicht: Jeder Gast
musste genau so viel
trinken, dass das Bier nach seinem Schluck
genau bis zum nächsten Ring (= „Pass“) ge-
reicht hat. Wer sich verschätzte, musste
austrinken und die nächste Füllung des
Glases zahlen. Bei solch derben Späßen sind
die Gläser leider bald kaputt geworden.
Der eigentliche Siegeszug des Trinkglases
begann mit der Massenproduktion von Glä-
sern im 19. Jahrhundert – und da hat es
gleich enorme Wechselwirkungen mit der
Entwicklung der Bierkultur gegeben: Alle
modernen hellen Bierstile verdanken ihren
Erfolg der Tatsache, dass man plötzlich se-
hen konnte, was man zu trinken vorgesetzt
bekommen hat. Es begann mit dem India
Pale Ale (um 1835), setzte sich fort mit dem
Wiener Lager (1841) und dem Pilsner (1842).
Dass man gleichzeitig in Bayern am Dunk-
len festhielt, hängt damit zusammen, dass
man dort weiterhin Tonkrüge benutzte.
Von den ersten industriellen Biergläsern
zur heutigen Glaskultur war es ein lan-
ger Weg: Noch in den siebziger Jahren des
20. Jahrhunderts gab es vor allem den
schmucklosen Willibecher und das Augen-
seidel – Zipfer war eine der ersten Marken,
die mit einem eigenen Individualglas eine
typgerechte Glaskultur schuf. Nach und
nach sind noch andere spezielle Gläser auf-
gekommen, abgestimmt auf das jeweilige
Markendesign, vor allem aber auf den Bier-
stil: Schlanke Biere wollen schlanke Gläser,
deftige Biere entsprechend deftigere.
Denn es gibt nicht eine einzige ideale Glas-
form – allenfalls gibt es Kostgläser, die kei-
nem Bierstil wirklich abträglich sind und
daher gerecht wirken. Aber genau genom-
men verlangt jeder Bierstil nach seinem
stilgerechten Glas.
Worauf wir mit einem guten Glas Bier an-
stoßen wollen.
Herzliches Prost!
Conrad Seidl
ZUGEGEBEN: ES GIBT SITUATIONEN, IN DENEN ES DURCHAUS ANGEBRACHT IST, EIN BIER
DIREKT AUS DER FLASCHE ZU TRINKEN. AM BAU. IN DER DISCO. BEI EINER WANDERUNG.
ABER SONST HÄTTE MAN SEIN BIER LIEBER SCHÖN EINGESCHENKT. IN EINEM RICHTIGEN
GLAS – ODER EINEM TONKRUG.
„ABER GENAU GENOMMEN VERLANGT JEDER BIERSTIL
NACH SEINEM STILGERECHTEN GLAS.“